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Eine Schuldenuhr für Europa

Von Daniel Ossenkop und Frank Solms Nebelung — Lange hat sie die Titelseiten der Zeitungen beherrscht – die Griechenlandkrise. Politiker, Journalisten und Wirtschaftsexperten wurden nicht müde zu betonen, wie groß die möglichen Gefahren für Europa und insbesondere den Euro sind. Im Fokus stand dabei vor allem die Auseinandersetzung um die Sparpolitik, die Griechenland als Bedingung für die Zahlung weiterer Finanzhilfen auferlegt worden war. In erster Linie sollte gespart sowie das Einkommen des Staates signifikant gesteigert werden.

Im Zuge des Streits um diese Maßnahmen schossen sich viele Medien auf Griechenland ein. Das Land stand bald als „Schmuddelkind“ Europas dar, unfähig, die eigene Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Es wurde bestenfalls am Rande darüber berichtet, wie es zur gleichen Zeit in den anderen europäischen Staaten mit der Verschuldung aussieht.

Die Realität sieht etwas anders aus. Mischo Kopac von der Firma smava GmbH aus Berlin hat eine sehenswerte, kontinuierlich laufende Schuldenuhr für Europa online gestellt. Dort sind die Gesamtschulden jedes einzelnen Staates, der Verschuldungsgrad sowie die Schulden pro Kopf einsehbar. Zudem wird die Verschuldung der gesamten Eurozone angezeigt.

Überraschend ist die Anzeige über abgebaute bzw. neu entstandene Schulden. Zum jetzigen Zeitpunkt verschulden sich alle europäischen Länder in jeder Sekunde neu. Nur vier Staaten bauen momentan Schulden ab: Deutschland, Griechenland, Lettland und Zypern. Es ist anscheinend falsch anzunehmen, dass sich die Griechen fröhlich an den Finanzhilfen bedienen würden, ohne an eine Rückzahlung zu denken.

Interessant ist auch, dass laut smava die griechischen Schulden pro Kopf nur unwesentlich höher sind als die in Deutschland. Also haben die Griechen sich in etwa den gleichen Schulden-Luxus pro Person geleistet wie wir und sogar weniger als bspw. Italien, Irland und Belgien.

Aber Griechenland hatte nicht die volkswirtschaftliche Basis für diesen Schuldenberg und sich so übernommen. Denn das Problem der griechischen Schulden liegt beim viel höheren Verschuldungsgrad – sprich vom Anteil der Schulden relativ zum BIP (Bruttoinlandsprodukt). Das kleine Land liegt beim Verschuldungsgrad unangefochten an der traurigen EU-„Spitze“.

Fazit: Einheitliche Lebensverhältnisse sind stets nur nach einheitlicher wirtschaftlicher Leistung möglich. Das ist eine unangenehme Wahrheit, die auch hierzulande allzugerne übersehen wird…



Planlos in Europa

Von Jonas Henatsch – Was die neue griechische Regierung zur Lösung der Wirtschaftskrise im eigenen Land beisteuert, ist schlicht eine Farce. Ähnlich ziellos ist ihre sprunghafte Kommunikation.

Bei der Krise in Griechenland handelt es sich um ein äußerst komplexes Problem, das auch erfahrenen Experten und Wissenschaftlern die Grenzen ihrer Weisheit aufzeigt. Die Sparpolitik auf Druck der Europäischen Union und allen voran Deutschlands hat bislang nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Die griechische Staatsverschuldung bleibt seit 2010 auf konstant hohem Niveau. Auch zeichnet sich keine Erholung des Bruttoinlandproduktes (BIP) ab: 2008 betrug das BIP pro Kopf noch mehr als 30 Tausend US-Dollar, seit 2012 stagniert der Wert bei etwas unter 23 Tausend US-Dollar.

Anfang 2015 treten Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras im Wahlkampf um die griechische Präsidentschaft als Steuermänner für eine radikale Kursänderung auf. Sie sprechen vom Schuldenschnitt, einer nachfrageorientierten Politik mit staatlichen Investitionen und dem Ende des Spardiktates. Kaum im Amt tourt der neue Finanzminister Varoufakis rebellisch wie James Dean mit Lederjacke und leicht geöffnetem Hemd durch Europa und brüskiert seine Finanzminister-Kollegen.

Ein paar Verhandlungstage später bitten Varoufakis und der neue Ministerpräsident Tsipras um die Fortzahlung der Hilfsmittel. Auch die ungeliebte Troika darf im Land bleiben, um die griechischen Sparbemühungen zu überwachen. Neben der fehlenden Kontinuität verwundert am meisten, dass die beiden hellenischen Bad Boys keinen konkreten Plan vorlegen, um den Haushalt zu sanieren und die Wirtschaft anzukurbeln.

Dabei gäbe es in Griechenland ausreichend Hebel, um das Land nachhaltig zu sanieren. Die Bekämpfung von Korruption und die Abschaffung fragwürdiger Steuerpraktiken wären ein guter Anfang.

Auch die Krisen-Kommunikation fällt unterm Strich dürftig aus. Persönliche Attacken auf politische Gegenspieler, eine zu aggressive Rhetorik und sprunghafte Sprachregelungen zerstören Vertrauen und unterspülen so das Fundament einer guten Krisen-Kommunikation.