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Europa und die Welt in der Krise – Eine Zeit der Chancen?

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich Europa in mehreren schwerwiegenden Krisen befindet. Schwächelnder Euro, Griechenland, Flüchtlingsströme, Abspaltungsbewegungen – man könnte meinen, die europäische Union würde langsam aber sicher auseinanderbrechen. Doch ist das wirklich so? Oder zeichnen die Medien hier ein Bild, dass viel düsterer ist als die Wirklichkeit?

Es lässt sich nicht abstreiten, dass sich die Europäer aktuell mit vielen Problemen befassen müssen. Doch allen Problemen wohnen auch Chancen inne. Diese zu erkennen und zu nutzen ist der Schlüssel zur erfolgreichen Zukunft der Union. Viele Europäer verspüren momentan in erster Linie Angst. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Probleme der Dritten Welt gefühlt sehr weit weg von unseren Wohlstandsoasen. Es wurde zwar in den Nachrichten darüber berichtet, im Endeffekt waren sie aber für uns eher eine Randnotiz. Diese scheinbare Sicherheit wurde das erste Mal beim Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 erschüttert. Die Reaktion der Amerikaner darauf sollte schließlich dafür sorgen, dass der Nahe Osten ernsthaft destabilisiert wurde. Als dann der anfangs umjubelte arabische Frühling stattfand, verschwand der Rest der ohnehin fragilen Ordnungssysteme. Die Folge: Bürgerkriege, stärker werdende Terrorgruppen und Flüchtlingsströme. Und diese Flüchtlingsströme erreichen nun Europa.

Auch wirtschaftlich steht die Welt – und insbesondere Europa – vor größer werdenden Problemen. In den Schwellenländern sinkt das Wachstum derzeit, was zu einem nicht geringen Anteil durch die fallenden Rohstoffpreise verursacht wird. Für Exportnationen wie Deutschland ein großes Problem. „Die sogenannten Emerging Markets – Länder wie etwa Brasilien, Russland oder China – machen inzwischen ein Drittel der weltweiten Wirtschaftskraft aus. Ihre Probleme sind also auch unsere. Mit diesen Ländern fällt der globale Wachstumsmotor aus“, so „Die Welt“ vom 19.10.2015. Dazu kommen die wirtschaftlichen Probleme innerhalb Europas. Der südliche Teil des Kontinents hat nach wie vor mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. In vielen europäischen Staaten wächst zunehmend die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der EU und den eigenen Regierungen. Großbritannien könnte gar aus der Union austreten und versuchen, einen eigenen Weg zu gehen.

Für die Zukunft wird bestimmend sein, wie Europa diese Krisen bewältigt. Bei allen Risiken bergen die aktuellen Krisen durchaus Potential. Wenn alte Systeme nicht mehr funktionieren, werden sich die Europäer auf die Suche nach alternativen Konzepten machen müssen. Auch wenn Wandlungsprozesse Angst auslösen können, so bieten sie doch gleichzeitig Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Grundlegende Verbesserungen lassen sich am einfachsten umsetzen, wenn der Bedarf am deutlichsten ist. So sind beispielsweise eine Reform des Dublin II-Abkommens und die Diskussion über ein einheitliches Asylrecht längst überfällig. Entscheidend wird sein, dass hier zeitnah die richtigen Lösungsansätze gefunden werden.

Dass ein nicht geringer Teil der Menschen in Europa der EU eben diese Lösungsfindung durchaus zutraut, zeigt eine neue vom Netzwerk „Vision Europe Summit“ durchgeführte Studie. Demnach sprechen sich in Großbritannien und Deutschland 70% bzw. 77% der Befragten dafür aus, dass die EU sich aktiv in das politische Tagesgeschehen einschalten und für eine gerechte Verteilung zwischen den Mitgliedsstaaten sorgen sollte.

Diese Sichtweise ist auch angesichts der aktuellen Probleme nicht verwunderlich. Es wird allzu oft übersehen, was die Europäische Union ihren Einwohnern bisher ermöglicht hat. Der britische Guardian zählt u.a. europaweiten Frieden, einen zollfreien Binnenmarkt, Reisefreiheit, Sicherung von Grundrechten sowie enorme gemeinsame Ausgaben für Entwicklungshilfe auf. Große Leistungen, die heute für allzu verständlich angesehen werden. Sie zeigen aber deutlich, dass die Europäer zu gemeinsamen Lösungen durchaus in der Lage sind. Vielleicht tragen gerade die aktuellen Krisen dazu bei, dass sich die Mitgliedsstaaten wieder ihrer Stärken und der Vorteile einer Zusammenarbeit bewusst werden.